Dialogisches Erzählen im Freien – Verbundenheit mit Umsicht und Phantasie

Das Vorlesen und Erzählen mit Kindern ist eine Situation, die oft mit körperlicher Nähe verbunden ist. Die Kinder hocken dicht beieinander, rutschen immer näher dorthin, wo erzählt wird, wollen ihre Nase mit ins Bilderbuch stecken…

Alles das sind Erfahrungen, die so in den letzten Wochen und Monaten im öffentlichen Raum nicht geteilt werden konnten und wohl auch noch über eine längere Zeit in Bibliotheken, Kitas und Schulen nur mit einer besonderen Umsicht und im Rahmen der geltenden Landesverordnungen wieder möglich werden.

Diese Möglichkeiten gilt es also, verbunden mit einem dafür erstellten Hygienekonzept vor Ort auszuloten. Denn auch das ist eine Erfahrung der Corona-Zeit: Zwar war es die ganze Zeit über möglich, innerhalb der Familie und Hausgemeinschaft das dialogische Vorlesen mit Kindern zu praktizieren. Auch konnten manche Vorleseangebote, die dazu von Bibliotheken und Organisationen digital angeboten worden sind, den Alltag daheim bereichern und an vertraute Kontakte erinnern. Aber die Chancen einer dialogischen Begegnung, bei der Kinder aktiv und spontan mit in das ganzheitlich und lebendig gestaltete Erzählgeschehen einbezogen werden, ergeben sich durch die digitalen Formate eben nicht in vergleichbarer Weise.

Digitale Vorleseangebote ersetzen nicht das dialogische Vorlesen und Erzählen

Dialogisches Vorlesen und Erzählen ist kein One-Way-Vortrag, kein Vermittlungsvorgang, der allein über Sprache, Ton und Bild funktioniert. Selbst eine Konferenzschaltung kann davon nur einen kleinen Ausschnitt erlebbar machen. Reaktionen und Emotionen bei allen Beteiligten in einem ständigen mehrdimensionalen Wechselspiel, nonverbale Signale, sinnliche Wahrnehmungen in ihrer ganzen Vielfalt und unter Einbeziehung der Umwelt bestimmen das Geschehen beim dialogischen Vorlesen und Erzählen und brauchen einen dafür passenden Rahmen.

Jetzt, da kleinere Veranstaltungen vielerorts unter bestimmten Voraussetzungen und Regeln wieder möglich sind, gilt es, sich darauf neu und anders zu besinnen.

Orientiert am aktuellen Erlass für Schleswig-Holstein (Stand: 18. Mai 2020) sind also jeweils räumliche und organisatorische Gegebenheiten zu prüfen und Entscheidungen zu treffen, für die folgende Aspekte – im Blick auf Ort, Abstand, Gruppengröße, Dauer und Erzählmedium –  eine Hilfe sein können:

  • Vielleicht lassen sich dialogische Vorlese- und Erzählangebote ins Freie verlegen? Außerhalb von geschlossenen Räumen ist die Ansteckungsgefahr vermindert – und das Geschichtenerlebnis wird gerade jetzt im Sommer durch den inspirierenden Einfluss der Natur bereichert.
  • Vielleicht kommt eher das Kamishibai als ein Bilderbuch zum Einsatz? Das erleichtert den dialogisch Erzählenden, die mit ihrem intensiven Sprechen einen größeren Abstand zu den Kindern einhalten sollten, einen natürlichen „Rückzug“ hinter den Erzählrahmen. Gleichzeitig aber bleibt auch von dort ein beweglicher Blickkontakt und Dialog mit den Kindern erhalten.

Ein besonderer Tipp für Kamishibai im Freien:

http://www.mein-kamishibai.de/mit-dem-kamishibai-der-natur-erz%C3%A4hlen

  • Vielleicht lassen sich kurze dialogische Vorlese- und Erzählangebote („10-Minuten-Geschichten“) mit Kamishibai für kleine Gruppen von jeweils 3-5 Kindern anbieten, die z.B. auf zuvor ausgelegten Sitzkissen oder Stühlen  in einem Abstand von 150 cm Platz nehmen? Es findet dann z.B. im Viertelstunden-Rhythmus ein Wechsel der Kleingruppen statt.

Hinweis:

Als Orientierungshilfe für Veranstaltungen im Freien können auch folgende Durchführungshinweise (keine verbindlichen rechtlichen Ratschläge, aber im Sinne der geltenden Verordnung als Empfehlung erarbeitet mit Stand 19. Mai 2020!) für Draußen-Aktionen in der Naturbildung genutzt werden, die eine Zusammenfassung aus verschiedenen Gesprächen mit Verantwortlichen in den Ministerien von Schleswig-Holstein darstellen:

Hinweise für Veranstaltungen im Außenbereich 19. Mai 2020

Ob und wie solche Möglichkeiten des Erzählens im Freien genutzt werden, hängt also stark von den jeweiligen örtlichen Bedingungen ab. Es ist verständlich, dass sich für manche die Frage stellt, ob es unter solchen Auflagen überhaupt sinnvoll und entspannt gelingen kann, kulturelle Erlebnisse mit persönlichen Begegnungen im Freien zu teilen. Zugleich aber können sich daraus hier oder da auch neue Chancen ergeben!

Dazu eine persönliche Erinnerung:

Mit den vielfältigen Möglichkeiten beim dialogischen Vorlesen und Erzählen im Freien – ähnlich wie oben beschrieben  – konnte ich bereits im vergangenen Sommer gute Erfahrungen sammeln. Ganz ohne Corona. Ganz ohne Beschränkungen und Auflagen. Einfach, weil es schön ist, unter freiem Himmel mit Kamishibai Geschichten zu erzählen. Weil es schön ist, das für kurze intensive Momente mit einer sehr kleinen Gruppe mit 3-5 Kindern zu tun. Weil es Rahmenbedingungen gibt, bei denen sich solche kleinen wechselnden Angebote im 15-Minuten-Rhythmus als ein sehr passendes Format bewähren. Nicht immer und überall. Aber als eine gute Möglichkeit – und das keineswegs nur zu „Corona-Zeiten“!

Daher die Ermutigung: einfach mal ausprobieren – und sich dran freuen, dass ein solches Erproben mancherorts schon in diesem Sommer beginnen kann…

Susanne Brandt

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